Die Maer von Swanhild
In den Tagen von Reginsfar und Furwin, als die Faucher noch Bedroher waren und Jungfrauen raubten, Dörfer in Flammen warfen und Recken fraßen, zog Swanhild, die Tochter Gerofells des Grausamen, der das stauchische Land auf Krieg und Blut eingeschworen hatte, aus, die Drachenbrüder um Gnade zu bitten, denn Gerofells sammelte seine Waffenbrüder und Lehnsvasallen zum letzten Kampf gegen Feuer und Sturm aus dem Ringgebirge.
Sie war schön an Gestalt, klug, stark und geschickt, denn Gerofells ließ sie in Waffen gehen. Baldwin, der Barde war einer ihrer Begleiter.
So ritten sie über das einst grüne Freedland, dass mit Maus und Haus von den Drachengewalten zerstört worden war, durch den Clannthin, den ältesten Wald von Stauchen, der selbst Furwins Feueratem standgehalten hatte, und die Nebelellen, die Heimat der Trolle und Gnome, ins felsige Ringgebirge, das die Drachenbrüder hüteten. Swanhilds dunkles Haar wehte im eisigen Wind, als Baldwin plötzlich gen Himmel wies, sein Lautenspiel mit Misstönen beendend. Über ihnen kreiste ein goldglänzender riesenhafter Schatten, Furwin war es, der die Eindringlinge schon in den Hängen der Nebelellen erspäht hatte. Krickfried, Swanhilds Rappe scheute, stieg hoch und hätte seine kostbare Fracht wohl abgeworfen, wäre diese nicht die beste Reiterin des Staucherlandes.
Und Swanhild sah Reginsfar, den Silbernen, Herr über Sturm und Schnee, Eis und Wind. Seine Schuppen glitzerten eisig blau unter der kalten Sonne. Sein riesiger Leib verbarg alles Gestein hinter sich, die metallenen Schwingen umflogen gemächlich seinen mächtigen Körper, seine Krallen zerquetschten den Felsen unter sich und der lange, mächtige Schweif peitschte die Gebirgswände zu feinem Sand, der auf seinen drei Mann großen Kopf hinabrieselte. Diesen umzogen feine, silberne Schuppen über blauer und weißer glänzender Haut. Der hohe Drachenkamm ragte drohend in den Himmel. Silberweißes Brauen- und Barthaar reichte ihm bis zu den Krallenhänden und eine tiefblaue, gespaltene Zunge schlug Steinstücke aus dem Gebirgspfad. Der ganze Drachenleib schien zu beben und alles um ihn herum bebte mit ihm, nur die Augen des Eisigen blickten ruhig und gebieterisch auf die jungfräuliche Dame, die starr vor Schreck auf ihrem weißen Reittier saß und ihn mit erschrockenem Blick anstaunte.
"WAS TRÄGT GEROFELLS KLEINOD IN UNSER REICH?", hörte man jetzt die donnernde Eisstimme Reginsfars, "WILL SIE IHREN TRIBUT VOR DER ZEIT ZU UNS BRINGEN?"
"Nicht will ich Tribut zollen, noch mich in Euren grausamen Tod stürzen, aber erbitten will ich Eure Gnade für mein Volk, meinen Vater und mein Land", sprach die Holde mit festem Ton und mutigem Blick.
"SO WILLST DU DOCH EIN BITTGESCHENK LEISTEN."
"Ja, denn ich bitte Euch, weiterzuziehen. Was kann unser Land Euch noch bieten außer Asche und Schnee, mit dem Ihr es zeichnetet? Und ich will Euer Lohn sein für diese Gnadentat."
"UND WARUM SOLLTEN WIR UNS NICHT BEIDES NEHMEN?"
Da stieg Swanhild von Krickfried, zog ihr Schwert und trat vor. Reginsfar schnaubte verächtlich und blies Eiswolken aus seiner mächtigen Nase.
"MIT EINEM SCHWERT DROHST DU UNS, TOCHTER VON GEROFELLS?"
"Nein, aber Isfirs Klinge wird meinen Leib finden und Euer Geheimnis mit sich nehmen, wo mein Ahne Grahm, Sohn von Grahmut, den Karfunkelsplitter verbarg, den seine Mutter Auelind von Euch nahm, bevor sie Euch als Jungfrau entfloh."
"SO NENNT MIR GEROFELLS SEIN VERSTECK, WENN WIR SEIN LÄCHERLICHES HEER IN FEUER UND EIS ZERSCHMOLZEN HABEN."
"Nur weiß er nicht um seine Existenz, denn ist sein Blut nicht Auelinds."
Reginsfar zögerte. Waren die Menschen nicht verschlagener als Hyänen und lügnerischer als die benebelnde Stimme der Sirenen von den Nebelellen? Doch als er Swanhilds Entschlossenheit und ihr reines Gemüt in ihrem Herzen las glaubte er ihren Worten und so wandte er sich an den zitternden Baldwin:
"REITE ZU DEINEM HERREN UND SAGE IHM, DIE DRACHENBRÜDER NEHMEN DIESEN LETZTEN TRIBUT AN UND SUCHEN SICH EIN NEUES NEST IM REICHEN NORDEN."
Baldwins ledernes Wams bebte zitternd als er sich ein letztes Mal vor seiner Herrin verbeugte und ein letztes Mal die Laute schlug und seine Stimme zum Loblied auf die Tapfere hob. Dann nahm er Abschied und ritt den Weg zurück, den sie gekommen waren.
Reginsfar nahm Swanhild mit sich. Sie durfte auf seinem Rücken reiten, obwohl sie ihr Schwert noch trug und dort ein einziger Stich den Frostbringer erschlagen konnte. Doch ihr Herz hatte schon lange die Furcht vor ihm abgelegt und sich dem seinen geöffnet und Reginsfar spürte keinen Harm in ihren Absichten.
Aber sein Zwillingsbruder hatte dem Abkommen gelauscht und erboste sich mehr und mehr über die fehlende Härte in Reginsfars Taten. Furwin grollte und der Berg um ihn herum erzitterte. "SO, BRUDER, VERRÄTST DU DEIN BLUT!"
Und er schlug seine goldenen Schwingen, sein roter Leib erhob sich über den Gipfeln und mit feuriger Zunge verfolgte er den Barden, der zwar Ross und Laute in den Flammen verlor, seine Haut jedoch in den Clannthin retten konnte und sich so auf den langen und mühevollen Fußweg machen mußte, um den schändlichen Wortbruch, den er glaubte am eigenen Leibe erfahren zu haben, Gerofells zu berichten. Furwin ließ ab von ihm.
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